Schiri – Abseits!

Abseits ist …

Abseitsentscheidungen nach Regel 11 gehören im Fußball neben dem Handspiel zu den am kontrovers geführtesten Diskussionen überhaupt. Dabei ist eine Abseitsposition eigentlich klar und verständlich geregelt, denn Regel 11 besagt: Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsposition, wenn er der gegnerischen Torlinie näher als der Ball und der vorletzte Gegenspieler ist. Diese Abseitsposition wird dann strafbar, wenn der Spieler aktiv ins Spielgeschehen eingreift. Und was als aktives Eingreifen verstanden wird, dass kann man ebenfalls im Regelwerk nachlesen – weshalb an dieser Stelle auf eine nähere Ausführung verzichtet wird. Es gibt aber auch eine weitaus simplere Definition, die alles wichtige zu diesem Thema in einem einzigen Satz zum Ausdruck bringt: Abseits ist immer dann, wenn der Schiedsrichter pfeift! Und mehr muss man in den unteren Spielklassen auch gar nicht wissen.

Doch was ist das generelle Problem beim Abseits? Nur weil eine Regel einfach ist, ist sie es nicht auch in ihrer Anwendung. Trotz ihrer Simplizität gibt es beim Abseits immer wieder falsche Entscheidungen und dies durch alle Klassen, von den Profis bis hinunter zu den Kreisklassen dieser Welt. Untersuchungen nach liegt der Anteil der Fehlentscheidungen beim Abseits über alle europäischen Top-Ligen um die 20%. Eine enorm hohe Fehlerquote für eine einfache Regel, sollte man meinen. So erklärt sich nicht nur der hohe Erregungspegel unter Fußballfans oder Arbeitskollegen nach jedem Spieltag, auch die Sportwissenschaften haben sich diesem Thema mit all ihren Methoden genähert um zu klären, warum die Situation so ist, wie sie ist. Rausgekommen sind dabei drei unterschiedliche Erklärungsansätze:

1. Die Nuklearoption:

Den 1. Erklärungsansatz nenne ich die Nuklearoption. Deswegen Nuklearoption, weil, nimmt man diese Position ein, am Ende außer Trümmern nicht mehr viel übrig bleibt [10, 11]. Es geht hierbei um die Frage, was die Abseitsregel, so wie sie seit 1925 formuliert ist, vom Schiedsrichter verlangt. Sie verlangt bei einer wortwörtlichen Auslegung eine sofortige Entscheidung in dem Moment, da der Ball gespielt wird. Und sofort bedeutet dann auch sofort und nicht 1/10, eine 1/100 oder eine 1/1000000 Sekunde später. Für ein Sofort ist das menschliche Auge aufgrund seine Physiologie aber nicht ausgelegt. Durch Mikrobewegungen während des Fixierungsprozesses (Mikrosakkaden, Tremor & Drift) wird der Moment bestimmt, in dem der Ball gespielt wird. Dies ist der Beginn für die nachfolgenden neuronalen Prozesse. Das Gehirn empfängt all diese Informationen über den optischen Sehnerv, verarbeitet diese und gibt anschließend die notwendigen Befehle an das optische System, welches nun dafür präpariert wird, all die Spieler zu erkennen, die an einer möglichen Abseitsposition beteiligt sind; und auch dies kostet wieder Zeit, Zeit und nochmal Zeit. Wir reden hier zwar von Millisekunden, doch alle Einzelprozesse summieren sich am Ende zu einer Gesamtzeitvon ca. 200 Millisekunden, in die der Stürmer seine Position verändert. Innerhalb 200 Millisekunden bewegt sich ein durchschnittlicher Fußballprofi um 70 cm, wenn er aus dem Stand startet doder um 1,6m, wenn er sich bereits in Bewegung befindet. Selbst bei technischen Systemen ist ein Sofort nicht möglich, da auch hier Einzelprozesse ihre Zeit benötigen; wenn auch insgesamt weniger. Die Schlussfolgerung dieser sehr radikalen Sichtweise kann daher auch nur sein, die Abseitsregel zur Gänze aufzugeben. Faßt schon poetisch hat Dr. Belda Maruenda dies 2009 in folgende Worte gefaßt:

We are witnessing the most massively known error in the history of humankind. Since the 19th century (the offside rule was introduced in 1866) thousands of millions of people thought, and they still think they can perceive and judge an offside position in real time, in zero milliseconds. The IFAB is facing a difficult problem: it has to abolish the offside rule.

Wir sind Zeuge des größten bekannten Fehlers in der Menschheitsgeschichte. Seit dem 19. Jahrhundert (die Abseitsregel wurde 1866 eingeführt) glauben Millionen von Menschen, und sie tun es noch immer, dass sie eine Abseitsposition erkennen und beurteilen können, und zwar in 0 Millisekunden. Das IFAB steht vor einem schwierigen Problem: Es muss die Abseitsregl aufgeben.

Doch ein Fußball ohne Abseits wäre ein komplett anderer Fußball. Mit dieser Frage hat sich schon die Redaktion von 11Freunde befaßt (Heft #180 11/2016).

2. Die optische Fehlerhypothese

Von Oudejans [3] wurde die optische Fehlerhypothese ins Spiel gebracht, bei der es um die Fehlposition des Linienrichters und den sich daraus ergebenen Konsequenzen geht. Die Linienrichter sind angehalten, sich bei ihrer Positionierung und Bewegung an der Seitenlinie an der Höhe des letzten Feldspielers zu orientieren. Sie stehen somit immer auf Höhe der Abseitslinie (siehe Abbildung, rot gestrichelte Linie) und haben den bestmöglichen Blickwinkel. Soweit zur Theorie. Nun zur Praxis und die sieht bekanntlich immer etwas anders aus.

Schematische Darstellung zur Optischen Fehlerhypothese bei der Abseitsentscheidung (nach Barte&Oudejans [1]).
Der Linienrichter  nimmt diese Idealposition nicht immer ein oder kann sie bedingt durch die Schnelligkeit des Spiels auch nicht immer einnehmen. Er steht daher häufig hinter der Abseitslinie (A) oder davor (B). In beiden Fällen ist die Sichtlinie (schwarze Linie) nicht mit der gedachten Abseitslinie deckungsgleich. Dadurch ergeben sich für den Linienrichter zwei Fehlermöglichkeiten. Bei der flag-error-Entscheidung (FE) hebt er die Fahne und entscheidet auf Abseits, obwohl der Angreifer nicht im Abseits stand (siehe hellblaue Flächen). Bei der non-flag-error-Entscheidung (NFE) passiert das Gegenteil; der Angreifer befindet sich zwar in einer Abseitsposition, die Fahne bleibt aber unten (siehe gelbe Flächen). Diese Hypothese hat eine gewisse Eleganz, da sie Vorhersagen darüber trifft, welcher der zwei Fehler in bestimmten Situationen eher zu erwarten ist. Liegt z.B. die Situation B vor, der Linienrichter steht oder läuft also vor der gedachten Abseitslinie und der angespielte Angreifer ist weiter vom Linienrichter entfernt als der letzte Verteidiger, dann ist eher mit FEs zu rechnen; also Abseitsentscheidung obwohl kein Abseits vorliegt. Und genau diese „Vorhersage“ konnten Oudejans [3] experimentell bestätigen.

Eine Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, könnte darin bestehen, auf dem Spielfeld zusätzlich parallele Linien zwischen Mittellinie und den Strafräumen anzuzeichnen, so wie man es etwas mit den 10 Yard-Linien beim American Football kennt. Ein solcher Versuch wurde durch Barte & Oudejans [1] durchgeführt und 2012 veröffentlich. Die Ergebnisse waren recht ernüchternd. Zwar gelang es den 8 Linienrichtern, alle Profis der 1. & 2. Eredivisie in den Niederlanden, sich besser zu postieren, die Anzahl an Fehlentscheidungen war jedoch gleich der Kontrollexperimente ohne zusätzliche Hilfslinien. Eine mögliche Erklärung für dieses Ergebnis mag sein, dass die Linienrichter es erst lernen müssen, diese zusätzliche Information zu verwerten. Aber können solche Hilfslinien die Lösung sein? Für Vereine in den oberen Ligen mag das Hinzufügen von Extralinien kein Problem sein. Wie aber sieht es in den unteren Ligen aus, wo man keinen Platzwart hat und 1 Stunde vor dem Spiel den Platz noch selber einkreiden muss? Ich vermute mal, wir alle kennen die Antwort. Außerdem sehen solche Linien auch einfach nur scheiße aus.
Dieses Modell bietet eine gute Erklärung dafür, warum man sich als Stadionbesucher oder Sofasurfer vor dem Fernseher oftmals fragt, warum der Linienrichter diese oder jene Situation als Abseits gewertet hat oder nicht! Als Besucher im Stadion sitzt man oftmals viel weiter von der Seitenlinie entfernt und kann daher um mehr als 5, 6 oder 7 m zur gedachten Abseitslinie sitzen und hat trotzdem noch einen geringeren optischen Fehler als der Linienrichter.

3. Die „flash-lag“-Hypothese

Beim dritten Erklärungsmodell handelt es sich um die flash-lag-Hypothese nach Baldo et al. [5]. Dieser Effekt tritt dann auf, wenn ein sich bewegendes Objekt seiner realen Position voraus wahrgenommen wird. Wissenschaftlich ausgedrückt heißt es: Ein sich bewegendes Objekt in der Außenwelt unterliegt durch neuronale Laufzeiten von der Retina bis zur bewussten Wahrnehmung ebenso einer Latenzzeit wie ein geblitztes. Wenn man jedoch an räumlich korrespondierender Stelle zu einem bewegten Stimulus einen zweiten blitzt, dann wird der geblitzte als zurückliegend wahrgenommen; ein Effekt, der als “flash-lag effect” (FLE) bekannt wurde [12].

Klingt jetzt sehr kompliziert. Zu diesem Effekt habe ich eine recht nettes Video gefunden, welches diesen Effekt sehr anschaulich demonstriert.

Bei einer Abseitsentscheidung bedeutet dies, dass der Angreifer in seiner Position auf dem Spielfeld vorauslaufend („ahead of his actual position“) wahrgenommen wird. Eine solche Wahrnehmung würde die FEs erhöhen, die NFEs hingegen reduzieren und er ist unabhängig vom Blickwinkel. Eine Bestätigung für den Einfluss dieses Effekts ergaben Videosimulationen mit Linienrichtern [8] als auch Untersuchungen an richtigen Fußballspielen [7]. In beiden Untersuchungen wurden unabhängig vom Blickwinkel der Linienrichter immer dann vermehrt FEs ermittelt, wenn der Abwehrspieler sich entgegen der Laufrichtung des Angreifers bewegte.

Es ist derzeit Konsenz, dass sowohl der flash-lag Effekt als auch die optische Fehlerhypothese ihren Beitrag bei den fehlerhaften Abseitsentscheidungen haben. Bei einer Untersuchung von 165 Spielen der English Premier League konnte der flash-lag Effekt alle FEs und 19% aller NFEs erklären, während die optische Fehlerhypothese 41% der FEs und 45% der NFEs erklären konnte [4].

Die Lösung …

Eine Lösung? Mir fällt ehrlich gesagt keine ein. Es würde aber schon helfen, wenn man einfach mal die Tatsache akzeptiert, dass die Schiedsrichter speziell bei Abseitsentscheidungen Fehler machen und Fehler machen dürfen. Und sie machen diese Fehler nicht, weil sie böswillig oder blind sind. Sie passieren, weil sie unvermeidlich sind. Weil hier Menschen in Situationen Entscheidungen treffen müssen, in denen sie trotz allem Training und Erfahrung vom physiologischen Standpunkt aus gesehen überfordert sind. Die Kreisklasse muss man bei der Betrachtung dieser Problematik aber ausnehmen. Warum? Alle Erklärungsansätze zur Abseitserkennung beziehen sich hier auf den Linienrichter. Aber Linienrichter sind in der Kreisklasse nicht nur Mangelware, es gibt sie dort schlicht einfach nicht. Hier müssen die Schiedsrichter allein auf sich selbst gestellt jede Situation selber entscheiden. Da kommt keine Unterstützung von der Seitenlinie oder aus irgendeinem Darkroom in Köln. Wer über Jahre in der Kreisklasse als Schiedsrichter unterwegs war, ist durch eine harte Schule gegangen. Er hat aber auch Mechanismen entwickelt, mit dieser Problematik umzugehen.

Da gibt es das Adlerauge, das Abseits selbst dann erkennt, wenn man 30m vom Spielgeschehen entfernt ist. Da gibt es den stoischen Protagonisten, der fälschlicher Weise als lauffaul dargestellt wird, weil er sich in den 90 Minuten nur im Anstoßkreis aufhält. Dabei ist dies einfach nur eine Möglichkeit mit der Tatsache umzugehen, dass man eben keine Linienrichter zur Hand hat und vom zentralen Punkt des Spielfelds einfach die beste Übersicht zu haben. Und da gibt es den Schiedsrichter, der durch die jahrelange Erfahrung in sich selbst ruht, den im Verlaufe eines Spiels nichts erschüttern kann, da er sich eines ganz gewiss ist: Abseits ist dann, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Referenzen

[1] Barte, J.C.M. & Oudejans, R.R.D. (2012). The Effects of Additional Lines on a Football Field on Assistant Referees’ Positioning and Offside Judgments. International Journal of Sports Science & Coaching 7(3):481-492.

[2] Hüttermann, S., Memmert, D., & Simons, D. J. (2014). The size and shape of the attentional „spotlight“ varies with differences in sports expertise. Journal of Experimental Psychology: Applied 20:147-157.

[3] Oudejans, R.R.D., Verheijen, R., Bakker, F.C., Gerrits, J.C., Steinbrückner, M. & Beek, P.J. (2000). Errors in judging “offside”in football. Nature. 2000; 404:33.

[4] Catteeuw, P., Gilis, B., Wagemans, J. & Helsen, W. (2010). Offside Decision Making of Assistant Referees in the English Premier League: Impact of Physical and Perceptual-Cognitive Factors on Match Performanc. Journal of Sports Sciences 28:471-481.

[5] Baldo, M.V., Ranvaud, R.D. and Morya, E. (2002). Flag Errors in Soccer Fames: The Flash-Lag Effect Brought to Real Life, Perception. 31:1205-1210.

[6] Gilis, B., Helsen, W., Catteeuw, P. and Wagemans, J. (2008). Offside Decisions by Expert Assistant Referees in Association Football: Perception and Recall of Spatial Positions in Complex Dynamic Events, Journal of Experimental Psychology: Applied (14):21-35.

[7] Gilis, B., Helsen, W., Catteeuw, P., Van Roie, E. and Wagemans, J. (2009). Interpretation and Application of the Offside Law by Expert Assistant Referees: Perception of Spatial Positions in Complex Dynamic Events On and Off the Field, Journal of Sports Sciences (27):551-63.

[8] Helsen, W., Gilis, B. and Weston, M. (2006). Errors in Judging “Offside” in Association Football: Test of the Optical Error versus the Perceptual Flash-Lag Hypothesis, Journal of Sports Sciences (24):521-528.

[9] Maruenda, F.B. (2004). Can the human eye detect an offside position during a football match? BMJ 2004;329:1470.

[10] Belda, F. (2009). An offside position in football cannot be detected in zero milliseconds. Nature Precedings. hdl:10101/npre.2009.3835.1.

[11] Sanabria, J., Cenjor, C., Márquez, F., Gutiérrez, R., Martínez, D., & Prados- García, J.L. (1998). Oculomotor movements and football’s law 11. Lancet, 351, 268. http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(05)78269-6

[12] Nijhawan, R. (1994). Motion extrapolation in catching. Nature 370:256–257

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.